Authentisch, wirklich, wahr?
Erzählformen im Dokumentarfilm
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Authentisch, wirklich, wahr?
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Grenzbereiche

Der Dokumentarfilm wird oft als Gegensatz zum Spielfilm definiert.

Im Spielfilm werden fiktionale, das heißt erfundene Geschichten für die Kamera inszeniert. Dazu schlüpfen Schauspieler:innen in vorgegebene Rollen und folgen den Anweisungen eines Drehbuchs.

Dokumentarfilme zeichnen sich durch eine besondere Nähe zur Wirklichkeit aus. Menschen treten als sie selbst vor die Kamera – und mit ihnen ihre „echten“ Geschichten.

Ganz so einfach ist die Unterscheidung aber nicht immer. Zwischen beiden Polen existiert ein Grenzbereich. Viele Filme mischen fiktionale und dokumentarische Elemente – mit schier endlosen kreativen Möglichkeiten.


Wirklichkeit im Spielfilm

Besonders realistisch wirken Spielfilme, die nicht mit professionellen Schauspieler:innen, sondern mit Laiendarsteller:innen besetzt und an Originalschauplätzen gedreht sind. Im Oscar©-prämierten Film Nomadland (USA 2020, R: Chloé Zhao) spielen nomadisch lebende Menschen sich selbst. Das verleiht dem Film einen fast dokumentarischen Charakter.

Nomadland Chloe Zhao Filmstill 1 WirklichkeitQuelle: Walt Disney Company
Die Laiendarstellerin Linda May in Nomadland (USA 2020)

Unwirkliches im Dokumentarfilm

Mithilfe von Reenactments – also nachgestellten Szenen – kann der Dokumentarfilm Geschehnisse sichtbar machen, von denen es sonst keine Aufnahmen gibt.

Spiel mit der Wirklichkeit

Spaghetti wachsen auf Bäumen und die Aufnahmen von der ersten Mondlandung hat Stanley Kubrick inszeniert? Mockumentaries ahmen die Ästhetik von Dokumentarfilmen nach, erzählen aber ausgedachte Geschichten. Dabei geht’s oft hanebüchen zu. Die Methoden der Wahrheitskonstruktion im Dokumentarfilm werden offengelegt und aufs Korn genommen.

Das Spiel mit der Wirklichkeit kann heikel sein. This Ain’t California (D 2012, R: Marten Persiel) lässt in atmosphärischen Super-8-Bildern eine fast vergessene Epoche auferstehen: die Skateboardszene der 1980er-Jahre in der DDR.

Trailer von This Ain’t California (D 2012)

Als der Film erscheint, löst er eine Debatte aus. Der Film wird als Dokumentarfilm vermarktet. Es stellt sich aber heraus, dass die vermeintlichen Archivmaterialien zum Teil inszeniert sind. Auch den Protagonisten des Films, die angebliche Skater-Legende Denis „Panik“ Paraceck, hat es nicht gegeben. Im besten Fall ist die Figur ein fiktionalisiertes Gemisch aus vielen einzelnen realen Personen und Geschichten.

Fakt oder Fiktion?

Filmplakat This Aint California
Filmplakat This Ain’t California (D 2012)

Die Filmemacher lassen das Publikum im Dunkeln tappen. Ohne Hintergrundinformationen zur Machart ist nicht auszumachen, was im Film Fakt und was Fiktion ist. Ist This Ain’t California die innovative, grenzgängerische Umsetzung eines echten Stoffs oder etwas zu viel wilde Fantasie im Dokumentarfilmkostüm? Der Fall zeigt: Transparenz in der Wahl der Methode ist wichtig, sonst können Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Gezeigten aufkommen.


Fazit

Was ist ein Dokumentarfilm? Was unterscheidet ihn vom Spielfilm? Fest steht: Dokumentarfilme sind niemals objektive Abbilder der Wirklichkeit. Im Gegenteil: Sie erzählen den subjektiven Blick ihrer Macher:innen auf die Welt. Das Verhältnis zur Wirklichkeit wird dabei immer wieder neu verhandelt.