Authentisch, wirklich, wahr?
Erzählformen im Dokumentarfilm
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Authentisch, wirklich, wahr?
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Nichts als die Wahrheit

Dokumentarfilme sollen die Wirklichkeit zeigen. Schon die ersten dokumentarischen Aufnahmen machen jedoch deutlich, dass Filme nie einfach nur abbilden, was sich vor der Kamera ereignet.


Purer Zufall?

Die Brüder Lumière filmen Arbeiter:innen beim Verlassen ihrer Fabrik. Sie dokumentieren wie zufällig ein reales Geschehen – oder doch nicht so ganz?

La Sortie de l’usine Lumière à Lyon (Arbeiter verlassen die Lumière-Werke, F 1895, R: Louis Lumière)

Es existieren mehrere Versionen dieser kurzen Szene, die sich vom Ablauf her verräterisch ähneln: Hund und Fahrräder tauchen jedes Mal an etwa der gleichen Stelle auf, die Menschen laufen recht gleichmäßig in beide Richtungen. Die Brüder Lumière gaben den Arbeiter:innen also Anweisungen. Sie zeigen nicht die reine Wirklichkeit, sondern ein gestaltetes Bild von ihr.

Absprachen

Bei fast jedem Dokumentarfilm gibt es Absprachen zwischen Regisseur:in und Protagonist:innen. In unterschiedlich starkem Maße wird also immer in die Wirklichkeit eingegriffen.

Es geht tatsächlich darum, zugleich zu mogeln, damit man besser sieht, und den Zuschauer dennoch nicht zu betrügen.

André Bazin (1918-1958)

Allein schon die Anwesenheit der Kamera verändert die Situation: Für die angekündigten Dreharbeiten zu Arbeiter verlassen die Lumière-Werke legt die Belegschaft die beste Sonntagsgarderobe an. Der Wahrheitsanspruch des Dokumentarfilms ist also relativ.

Inszenierter Alltag

Robert Flahertys Nanook of the North aus dem Jahr 1922 wird oft als einer der ersten Dokumentarfilme bezeichnet. Der Film scheint den Alltag des Inuits Nanook und seiner Familie in der harschen Natur der kanadischen Arktis zu beschreiben.

Plakat Dokumentarfilm Nanook Of The North Quelle: Wikimedia / Robert J. Flannery / Pathe Pictures | Public Domain
Filmplakat, 1922

Dem Publikum bietet der Film sensationelle und in vielerlei Hinsicht auch authentische Einblicke in eine ihm unbekannte Kultur. Doch auch Flaherty arbeitet mit Inszenierungen und Arrangements, um das Leben der Inuit im Film darstellen zu können.

An einigen Stellen geht er dabei sehr weit und nimmt erhebliche Eingriffe in die Wirklichkeit vor.

Besonders befremdlich: Nanook heißt in Wirklichkeit Allakariallak. Flaherty wählt ihn für seinen Film, weil er der beste Jäger der Region ist. Seinen Namen ändert er für das westliche Publikum ab. Auch Frauen und Kinder sind nicht Allakariallaks echte Familie. Sie wurden für den Film gecastet.

Was als dokumentarisch wahrgenommen wird, hat sich über die Zeit immer wieder verändert. Aus heutiger Sicht würde man Nanook of the North als Mischform zwischen Dokumentar- und Spielfilm einordnen. Als der Film entsteht wird zwischen fiktionalen und dokumentarischen Formen noch gar nicht unterschieden, Dokumentarfilme mussten weniger strengen Anforderungen an ihre Wahrhaftigkeit genügen als heute.