Authentisch, wirklich, wahr?
Erzählformen im Dokumentarfilm
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Authentisch, wirklich, wahr?
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Auf der Suche nach Authentizität

Anfang der 1960er-Jahre erlebt der Dokumentarfilm eine Revolution. Im Zweiten Weltkrieg haben Propagandafilme vor Augen geführt, wie weit das vermeintlich Dokumentarische und die Wirklichkeit auseinanderklaffen können. Erstmals werden erbitterte Debatten um Echtheit und Wahrhaftigkeit im Dokumentarfilm geführt.


Die Fliege an der Wand

In den USA entwickeln Robert Drew, Richard Leacock, D.A. Pennebaker und Albert Maysles einen Stil, den sie Direct Cinema nennen: Direktes Kino. Sie wollen die Wirklichkeit so abbilden, wie sie ist – ohne Eingriffe, ohne Verfälschungen. Ziel ist die reine Beobachtung: Kamera und Filmteam sind mitten im Geschehen, sollen dieses aber möglichst nicht beeinflussen – so wie eine „Fliege an der Wand“.

We, at least, thought that we had solved the problems of Documentary film making.

Richard Leacock, 1997

Annähernd möglich wird das durch technische Innovationen, die die Filmschaffenden zum Teil selbst entwickeln. Leichte, bewegliche 16mm-Kameras und tragbare Synchrontongeräte fangen die Wirklichkeit auf nie gesehene Weise ein: unmittelbarer und lebendiger als je zuvor.

Drehteam Dont Look Back D A Pennebaker Wirklichkeit AQuelle: Gettyimages / Michael Ochs Archives / Freier Fotograf
Kleines Team
Flexible Kamera
Filmmagazin
Natürliches Licht
Der Protagonist
Tragbares Tonequipment

Bob Dylan und das Filmteam von Don’t Look Back (USA 1967, R: D.A. Pennebaker)

Politiker, Popstars, Persönlichkeiten

Viele Direct Cinema-Filme sind Porträts. Primary (Vorwahlkampf, USA 1960, R: Robert Drew), der bahnbrechende erste Film der Bewegung, folgt John F. Kennedy beim Vorwahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei im Jahr 1960.

Plakat Primary
Plakat Dont Look Back


Don’t Look Back begleitet den Singer-Songwriter Bob Dylan während seiner Englandtournee 1965, kurz vor seinem großen Durchbruch. Das Geschehen abseits der Bühne steht im Zentrum.

Ausschnitt aus Don’t Look Back

Gestellte Szenen, Wiederholungen für die Kamera und Regie-Anweisungen sind im Direct Cinema tabu. Die Filmschaffenden folgen ihren Protagonist:innen spontan, ganz ohne Drehplan. Auf Interviews, Off-Kommentare oder nachträglich hinzugefügte Musik wird in den Filmen verzichtet. Das Geschehen soll für sich sprechen.

Aber: Auch in den Filmen des Direct Cinema wird das gedrehte Material im Schnitt ausgewählt und geordnet. Völlig frei von Interpretationen sind die Filme also trotz allem nicht – dessen sind sich natürlich auch die Filmschaffenden bewusst.


Verstrickung in das Geschehen

Zeitgleich wählt in Frankreich eine Gruppe rund um den Regisseur und Kameramann Jean Rouch einen ganz anderen Ansatz, um der Wirklichkeit gerecht zu werden: Cinema Vérité – Kino der Wahrheit. Statt möglichst unsichtbar zu bleiben, machen die Filmschaffenden ihre Anwesenheit und ihre Verstrickung in das Geschehen auch vor der Kamera zum Thema.

Chronique d’un été (F 1961, R: Jean Roach & Edgar Morin)

Ihre Idee: Im Prozess des Filmemachens soll sich eine tiefere Wahrheit offenbaren – durch die Wechselwirkung zwischen Kamera, Protagonist:innen und Filmschaffenden und durch die gezielte Herbeiführung von unnatürlichen Situationen. Der Dreh wird zum soziologischen Experiment.

Mit ihren wegweisenden Ideen prägen Direct Cinema und Cinema Vérité das dokumentarische Filmschaffen bis heute. Daneben sind viele weitere Formen und Methoden entstanden…