Ein Blick in die Welt
Reise- und Expeditionsfilm
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Ein Blick in die Welt
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Reisebilder

Mit der Erfindung des Kinematographen beginnt, ausgehend von Europa, die Jagd nach filmischen Bildern von der ganzen Welt. Bilder von fernen Orten sind damals noch stärker als heute Ersatz fürs Reisen.

Max Sladanovsky Filmstill Berlin Alexanderplatz Quelle: Bundesarchiv
Alexanderplatz in Berlin (D 1896, R: Max Skladanovsky)

Touristische Aktivitäten sind Anfang des 20. Jahrhunderts ein Luxus, den sich nur wenige leisten können. Erst ab den 1950er-Jahren ebnen Reiseunternehmen und zunehmender Wohlstand den Weg für den Massentourismus.


Sogenannte Reisebilder oder Naturaufnahmen erfreuen sich daher großer Beliebtheit. Die dokumentarischen Ansichten von Städten und Landschaften sind sehr kurz, manchmal nicht mal eine Minute lang.

Reisebilder zeigen Sehenswürdigkeiten im eigenen und in anderen Ländern, aber auch dem Publikum unbekannte Traditionen und Verhaltensweisen.

Im Kino laufen sie als Teil abendfüllender Programme, in Kombination mit anderen dokumentarischen und fiktionalen Kurzfilmen. Internationale Produktionsfirmen befinden sich im regelrechten Wettstreit um neue Motive und die spektakulärsten Aufnahmen.

Quelle: Sammlung KINtop / Martin Loiperdinger
Attraktionen
Stadt, Land, Fluss
Werbemittel gratis
Fachzeitschrift
Ganz groß
Rio, London, Tokio
Kolonialistische Perspektive

Auf dem Titelblatt der Fachzeitschrift Der Kinematograph preisen Raleigh & Robert ihre Reisebilder den Kinobetreibenden zum Erwerb an. Der Kinematograph, Nr. 28, 10/1907

Touristische Blicke

Die frühen Reisebilder bestehen aus wenigen, manchmal auch nur einer einzigen unbewegten Kameraeinstellung. In Motivauswahl und Gestaltung orientieren sie sich am bereits etablierten Medium der Postkarte. Von ihr übernehmen sie auch den touristischen Blick auf die Welt.

1899 reist eine Postkarte von Gizeh nach Schwerin

Im Kino will das Publikum etwas anderes geboten bekommen als den bekannten Alltag. Einen wirklichen Einblick in andere Kulturen erhält es dabei aber kaum. Viel eher bedienen die Bilder die Sehnsüchte und Vorstellungen der Zuschauenden: malerische Bergpanoramen, buntes Treiben auf den Straßen, als „altertümlich“ wahrgenommene Gewohnheiten – die unbekannten Orte versprechen Idylle und Harmonie.

Viele Reisebilder erstrahlen in leuchtend bunten Farben. Um ein natürliches Abbild geht es dabei nicht unbedingt. In Lago Maggiore (I 1913), bei bestem Wetter gefilmt, wird der See durch die Einfärbung zur eindrücklichen Film-Attraktion.

Das Kino bringt die Welt in die Welt

Viele europäische Produktionsfirmen entsenden Kameramänner, damals Operateure genannt, in die Welt. Im Auftrag der Gebrüder Lumière kurbelt zum Beispiel Felix Mesguich in Skandinavien.

Kamerateam Felix Mesguich ReisefilmQuelle: Gettyimages / Hulton Archive / Stringer
Felix Mesguich filmt im schwedischen Lappland, 1895

Alexandre Promio reist 1897 für die französische Firma nach Ägypten. Zum ersten Mal bannt er das Land und seine antiken Stätten auf Film – und zum ersten Mal kommen die Menschen in Ägypten mit dem neuen Medium in Kontakt.

Promios Weltreise ist auch eine Werbekampagne für den Apparat der Lumières: Im gleichen Jahr eröffnet das erste Kinematographentheater in Alexandria. Die Aufnahmen aus der ganzen Welt werden in der Welt vermarktet.


Die Pyramiden von Gizeh in Alexandre Promios Film Les Pyramides zu sehen, ist selbst 1897 für das europäische Publikum keine Neuheit. Durch Gemälde, Litographien, Ansichtskarten und illustrierte Reiseberichte sind diese längst als touristisches Highlight etabliert. Bahnbrechend ist allerdings, dass die bewegten Bilder des Films ihnen nun Leben einhauchen.

Les Pyramides (F 1897)