Lola Kreutzberg
Weltenbummlerin mit Kamera
01
Lola Kreutzberg
01

Eine Frau von Welt

In den 1920er-Jahren befreien sich die deutschen Frauen von alten Rollenmustern, so auch in der Arbeitswelt. Ihren Platz hinter der Kamera müssen sie sich erst erstreiten.


Das Kino der Weimarer Republik ist eine Männerdomäne – und der Expeditionsfilm mit seinen Erzählungen von unerschrockenen Entdeckern und Weltenbummlern erst recht.

Lola Kreutzberg hält einen Leopard wie eine Hauskatze im ArmQuelle: Tiere, Tänzerinnen, Dämonen / Carl Reissner Verlag Dresden
Lola Kreutzberg, Abenteurerin und Regisseurin

1925 bricht Lola Kreutzberg zu den indonesischen Inseln auf, ganz allein. Zuvor hat sich die Zoologin auf eigene Faust das Bedienen der Kamera beigebracht und zahlreiche Tierfilme unter dem Label Lo-Zoo-Filme produziert.

Ihre Expedition ist ein Ein-Frau-Unternehmen. Chauffeurin, Regisseurin, Kamerafrau, Zoologin – Kreutzberg übernimmt alle wichtigen Funktionen selbst.

Nur so kann sie ihre erste Reise realisieren. Denn während viele männliche Kollegen in aufwändig ausgerüsteten Teams unterwegs sind, ist es für Frauen fast unmöglich, überhaupt finanzielle Unterstützung für ihre Projekte zu erhalten.

Die Wunder des Films. Ein Werklied von der Arbeit am Kulturfilm (D 1929, R: Edgar Beyfuß)

Auf Bali gewinnt die „arbeitende weiße Frau“, wie Kreutzberg selbst schreibt, das Vertrauen des einheimischen Fürsten. Mit seiner Unterstützung filmt sie für Wunderland Bali (auch: Bali, das Wunderland, D 1927) rituelle Tempel- und Trancetänze, die europäischen Augen normalerweise vorenthalten bleiben.

In Allerlei Volksbelustigungen in Java (D 1927) dokumentiert Lola Kreutzberg den „Tanz der zarten Fürsten“

Kreutzberg möchte mit der Kamera kulturelle Traditionen festhalten, die durch die europäische Kolonialisierung zu verschwinden drohen.

Gerade dadurch, dass ich allein kam, erwachte in den Menschen ein starkes, ritterliches Gefühl des Helfenwollens, und deshalb vermochte ich Aufnahmen zu machen, die ein Mann niemals hätte kurbeln dürfen.

Lola Kreutzberg

Ein ehrenwertes Vorhaben – doch wie in der Zeit üblich, herrscht in ihren Filmen die Faszination für das „exotische Andere“ vor. Kritische Perspektiven, die etwa die Unterdrückung der Menschen auf Bali durch die niederländischen Kolonisatoren zeigen, sucht man auch hier vergeblich.

Der Begriff Exotismus – vom griechischen exotikós: „fremd“, „ausländisch“ – bezeichnet einen Blick auf als „fremd“ empfundene Menschen, Länder und Kulturen, der ihnen eine besondere Faszination beimisst.

Dabei wird das „Fremde“ auf die „exotischen“ Aspekte reduziert, die als durchaus positiv wahrgenommen werden, wie zum Beispiel die äußere Erscheinung, Palmen & Sandstrand, Essensgewohnheiten oder ein sexualisiertes, „erotisches“ Bild von Menschen.

Exotismus hat seinen Ursprung in der Kolonialherrschaft Europas. In Kunst, Literatur und Film finden sich bis heute zahlreiche Beispiele, die vom exotistischen Blick auf den globalen Süden zeugen und diesen fortschreiben.

Lola Kreutzberg Plakat Bali Das Wunderland 1927
Plakat zu Bali, das Wunderland (1927)

Die Presse feiert „die erste deutsche Frau, die eine Expedition allein und ohne fremde Hilfe durchgeführt hat“. Als reisende Abenteurerin ist sie ein willkommenes Aushängeschild für die weibliche Emanzipation.


Lola Kreutzbergs Porträts zieren die Illustrierten. Sie entspricht ganz dem zeitgenössischen Ideal der neuen Frau: selbstbewusst, elegant, weltbürgerlich.

Lola Kreutzberg halt zwei Orang-Utans an der Hand, während ein dritter Affe vor ihr steht.Quelle: Gettyimages / ullstein bild Dtl. / Kontributor
Geschickt inszeniert sich Kreutzberg selbst. Durch das Posieren mit wilden Tieren verleiht sie sich einen außergewöhnlichen Touch.

Vor allem diese Bilder zeugen heute von Kreutzbergs Ruhm. Denn obwohl sie etwa 150 Filme gedreht hat, davon vermutlich rund 60 über Tiere, sind nur wenige erhalten. Wie schätzungsweise 90 Prozent des deutschen Stummfilmerbes gilt der Rest als verschollen.