Märchen, Schatten, Silhouetten
Die Abenteuer des Prinzen Achmed
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Märchen, Schatten, Silhouetten
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Rezeption und Restauration

Nach der Fertigstellung von Die Abenteuer des Prinzen Achmed finden Lotte Reiniger und ihr Team keinen Verleih, der ihren Film in die deutschen Kinos bringt.


Die erste Vorführung findet im Mai 1926 nur für geladene Gäste statt. Das Presseecho allerdings ist groß, auch der französische Regisseur Jean Renoir hört davon. Er sorgt dafür, dass der Film in Paris vor großem Publikum gezeigt wird. Im September 1926 feiert Die Abenteuer des Prinzen Achmed schließlich seine offizielle deutsche Premiere im Berliner Gloria-Palast.

Die Wochenzeitschrift Die Weltbühne ist begeistert von der Bewegung der Schattenbilder: „eine Grazie, ein Charme, eine Ausgeglichenheit“. Die Film-Illustrierte Lichtbild-Bühne bemängelt dagegen, „dass die Silhouette, die im letzten Grunde auf die Seele, auf das Gesicht verzichten muss, nicht tragfähig ist, einen ganzen Abend zu füllen“. Filmemacher Jean Renoir ist jedoch überzeugt davon, dass Lotte Reiniger „Zauberhände“ hat.

Märchen, Diskriminierung, Stereotype

Ob vor hundert Jahren diskutiert wurde, wie etwa die Frauen im Film dargestellt sind? Grazil, schlank und hilflos. Achmed ist edel und mutig, entführt aber Pari Banu, weil er sie begehrt. Später wird die Fee wie eine Ware an den chinesischen Kaiser verkauft. Dieser besitzt als eine der wenigen Figuren Gesichtsmerkmale: schräg stehende, schmale Augen. Der Film arbeitet also auch mit stereotypen Darstellungen.

Als Zuschauer, der nicht nur eine westliche, sondern auch eine nahöstliche Perspektive auf den Film hat, habe ich Die Abenteuer des Prinzen Achmed genossen. Ich bin aber der Meinung, dass der Film auch heute noch Klischees und stereotypisierte Bilder über die „orientalische“ Kultur vermittelt. Das ist wichtig zu berücksichtigen, denn Filme können Vorurteile über eine Kultur wecken oder verstärken, vor allem, wenn man diese selbst nie persönlich kennengelernt hat.

Jan Hamshoro (Filmmuseum Düsseldorf)

Einseitigen oder gar abwertenden Stereotypen begegnet man im Genre Märchen ständig. Dort gibt es den mächtigen König, die böse Stiefmutter, die schöne Prinzessin – also Typen, aber in der Regel keine komplexen Charaktere.

Die Männer tragen Turbane und entführen ihre Angebeteten, Dienerinnen wedeln mit Palmenblättern und im Harem geht es hoch her – Lotte Reiniger entwirft ein märchenhaftes, westlich geprägtes Bild vom sogenannten „Orient“, das auf Vorurteilen und Zuschreibungen basiert. Aber was genau ist der „Orient“?

Zunächst einmal handelt es sich dabei um eine ungenaue Bezeichnung. Die Römer bezeichneten damit alles, was östlich von Rom lag. Der „Westen“ war für sie der „Okzident“. Später sprach man auch vom Morgen- und Abendland. Die Bedeutung des Begriffs hat sich oft gewandelt und damit auch die Größe des Gebiets. Heute erfasst das westliche Bild des „Orients“ den Nahen Osten und die Länder der arabisch-islamischen Welt. Dazu gehören unter anderem Afghanistan, Jemen, Israel, Syrien, Marokko, Mauretanien, Tunesien – also sehr verschiedene Länder und Kulturen. Der Literaturwissenschaftler Edward W. Said hat den Begriff „Orientalismus“ geprägt: Er entlarvt die westliche Rede vom „Orient“ als ein Werkzeug des Imperialismus und Kolonialismus.

Ein Film wird gerettet

Im Zweiten Weltkrieg geht das deutsche Originalnegativ von Die Abenteuer des Prinzen Achmed verloren – ein Schicksal, das er mit vielen anderen Filmen teilt. Nur ein Bruchteil der Filme, die während der Stummfilmzeit entstanden sind, ist noch erhalten.

Im British Film Institute liegt jedoch von Lotte Reinigers Meisterwerk noch eine Kopie mit englischen Zwischentiteln. Auf dieser Grundlage wird der Film rekonstruiert. 1999 restauriert das Deutsche Filmmuseum Frankfurt den Film. 2013 wird er digitalisiert und kann deshalb auch heute noch gesehen werden.

Trailer für eine BluRay-Edition der restaurierten Fassung

Die Abenteuer des Prinzen Achmed stammt aus einer Zeit, in der das Kino noch jung war und Leute wie Lotte Reiniger den Grundstein für Filme legten, wie wir sie heute kennen. Die Pionierin des Animationsfilms hat das Genre zur Kunstform erhoben und bezaubert mit Die Abenteuer des Prinzen Achmed auch heute noch ihr Publikum – auch wenn heutige Zuschauer:innen den Film ganz sicher mit anderen Augen sehen.