„Wildwest“ made in Germany
Deutsche Stummfilm-Western
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„Wildwest“ made in Germany
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„Wildwest“ mit Anspruch

Ehrgeizigere Ziele als die „Wildwest“-Enthusiast:innen an Isar und Neckar verfolgt man derweil an der Spree. Mit dem Zweiteiler Lederstrumpf wagt sich die Berliner Luna-Film 1920 an einen Western für das große Publikum.


Vorlage für die zwei Filme sind James Fenimore Coopers auch in Deutschland vielgelesene Abenteuerromane Der Wildtöter und Der letzte Mohikaner.

Nicht nur der Stoff verrät die Ambitionen: Statt auf Laien setzt Produzent und Regisseur Arthur Wellin auf professionelle Schauspieler:innen. Die Ausstattung wirkt historisch akkurat. Und auch die Drehorte im Umland von Berlin sind sorgfältig gewählt.

Western Cinegraph Lederstrumpf Kanu Joern 1
Genreuntypisch: Lederstrumpf (D 1920, R: Arthur Wellin) spielt vor der Unabhängigkeit der USA im Jahr 1776 in den wald- und seenreichen Ostküstenkolonien.

Akkurate Kostüme

Mit seinen aufwendigen Bauten und Massenszenen erinnert Lederstrumpf fast an einen Historienfilm – für das Genre ist das deutsche Kino damals international berühmt.

An den Massenszenen wirken zahlreiche Statist:innen in historisch stimmigen Kostümen mit

Die Produzenten zielen offenbar auch auf ein bürgerliches Publikum, das das Kino noch oft als zwielichtige Vergnügung ablehnt.

Szenen im und um das eigens vor den Toren Berlin errichtete Fort

Stereotype Figuren

Alle Figuren, die Native Americans darstellen sollen, sind in Lederstrumpf mit Weißen besetzt. Bela Lugosi, der später in Hollywood als Dracula-Darsteller berühmt wird, verkörpert Chingachgook mit stoischer Würde.

People of Color waren lange Zeit in Hollywood und in der europäischen Filmindustrie kaum präsent. Und nicht nur das: Die vorwiegend von Weißen für ein weißes Publikum produzierten Filme bedienten und prägten auch in erheblichem Maß rassistische Vorstellungen.

Besonders berüchtigt ist in diesem Zusammenhang das sogenannte Blackfacing. So wird die Praxis bezeichnet, weiße Schauspieler:innen mit dunkel geschminktem Gesicht Schwarze Personen spielen zu lassen. Häufig geschah (und geschieht) dies in herabwürdigender Absicht – ein bekanntes Beispiel dafür ist David Wark Griffith‘ Epos The Birth of a Nation (USA 1915). Aber auch Yellowfacing war für die Darstellung etwa von Menschen aus China über viele Jahrzehnte gängig.

Aufgrund der Popularität des Westerngenres wurde wohl am häufigsten Redfacing praktiziert. Dass dies noch immer vergleichsweise wenig problematisiert wird, liegt vermutlich auch daran, dass Auftritte weißer Schauspieler:innen als Native Americans oft das „positiv“-rassistische Klischee des „edlen Wilden“ bedienen – die bundesdeutschen Karl-May-Filme mit dem weißen Pierre Brice in der Rolle des Apachen Winnetou sind bekannte Beispiele dafür. Dass Redfacing kein Phänomen vergangener Tage ist, beweist Lone Ranger (USA 2013, R: Gore Verbinski), in dem Johnny Depp einen Native American spielt.

Lederstrumpf Imdb Der Letzte Der Mohikaner 1920Quelle: IMDb / Robert Heymann
Filmplakat Lederstrumpf 2. Teil: Der Letzte der Mohikaner

Native Americans werden in dem Film zumeist als grausam dargestellt. Chingachgook, der Freund des Titelhelden, entspricht dagegen dem kaum weniger problematischen Klischeebild des „edlen Wilden“.

Western ChingachgookQuelle: ddpimages / Courtesy Everett Collection
Stereotyp
Bela Lugosi
Emil Mamelok
Margot Sokolowska
Berliner Buchen

Wah-ta-Wah, Chingachgook und Lederstrumpf in Lederstrumpf

Anders als die deutschen Low-Budget-Western wird Lederstrumpf wohlwollend aufgenommen: Die Kritik lobt das Szenenbild als glaubwürdig. Der Zweiteiler startet sogar in den USA.

Western Lederstrumpf Wikicommons Sowjetische BriefmarkenausgabeQuelle: Wikimedia / USSR Post
Coopers Buchvorlage wird bis heute international gewürdigt. Sowjetische Briefmarken zu Ehren seines 200. Geburtstags, 1989.

Als 1920 der Einfuhrstopp für US-Filme aufgehoben wird, versiegt die hiesige „Wildwest“-Filmwelle angesichts der Hollywood-Konkurrenz. Die Deutschen wollen offenbar lieber wieder „echte“ Western sehen.

In den 1960er-Jahren brandet in Deutschland noch einmal eine „Wildwest“-Filmwelle auf. Der Kassenhit Der Schatz im Silbersee (BRD/YU/FR 1962) führt in der Bundesrepublik zu einer Flut märchenhaft-naiver Karl-May-Verfilmungen. Das DDR-Kino antwortet wenig später mit US-kritischen sogenannten „DEFA-Indianerfilmen“.

Einig sind sich die deutschen Ost-West-Western in der stereotypen Darstellung ihrer Held:innen als „edle Wilde“ – und darin, sie von weißen Stars spielen zu lassen.