Lotte Reiniger
Pionierin der Silhouetten-Filmkunst
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Lotte Reiniger
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Schere, Licht, Papier

Schattentheater

Schattentheater gibt es schon um 121 vor Christus in China. Über Indien, Indonesien und Kleinasien gelangt es nach Europa und Nordafrika.

Quelle: Wikimedia / Nurmalinda Maharfar | CC BY-SA 4.0
Indonesisches Wayang-Schattentheater
Reiniger Chinesische Schattenfigur 06 Szetschuankaiserkien Lung
Chinesische Schattenfiguren im Filmmuseum Düsseldorf

Beim Schattenspiel werden zweidimensionale, bewegliche Figuren von Stäben geführt. Hinter einem Schirm oder einer Leinwand werden sie so beleuchtet, dass das Publikum von vorn ihre Schatten im Profil sehen kann.

Lotte Reiniger knüpft mit ihren Silhouettenfilmen an diese Technik an. Sie animiert ihre ausgeschnittenen Figuren auf einer von unten beleuchteten Arbeitsfläche.

Scherenschnitt

In Europa sind im Rokoko, in der Romantik und im Biedermeier Scherenschnitte und Schattenriss-Porträts beliebt. Die Bilder sind eine günstige Alternative zum Gemälde. Wie Lotte Reinigers Filmfiguren werden sie aus schwarzem Karton geschnitten.

Scherenschnitt von Ferdinand Ernst von Waldstein aus Ludwig van Beethovens StammbuchQuelle: Wikimedia | Public Domain
Scherenschnitt von Ferdinand Ernst von Waldstein aus Ludwig van Beethovens Stammbuch

Ein märchenhaftes Schattenreich

Lotte Reiniger hat zeitlebens ein Faible für Märchen und Fabeln. Immer wieder findet sie dort Stoffe für ihre Filme. Märchen – in denen wie im Trickfilm alles möglich ist – sind bevölkert mit typisierten Figuren wie Prinzessin, König, Hexe, Wolf. Wer gut oder böse ist, lässt sich meist an der äußeren Erscheinung ablesen.

Quelle: absolutmedien

Das findet im Silhouettenfilm eine Entsprechung. Dort wird eine Figur durch ihre Kontur und ihre Art der Bewegung charakterisiert. Zugleich lassen die schwarzen Silhouetten beim Zuschauen genügend Raum für die eigene Fantasie.

Der Begriff geht zurück auf den französische Finanzminister Marquis Etiènne de Silhouette, der im 18. Jahrhundert mit extremen Sparmaßnahmen von sich reden machte. „À la Silhouette“ wurde fortan spöttisch alles genannt, was sparsam, geizig oder armselig ist.

Den Unterschied zwischen Schatten und Silhouette erklärt Lotte Reiniger so:

Schatten werden bald länger, bald kürzer sein, je nachdem, ob die Sonne hoch am Himmel steht oder am Horizont auf- oder untergeht. Schatten hängen vom Licht ab, aber unter einer Silhouette versteht man immer einen scharfen Umriss im reinen Profil.

Lotte Reiniger

Das Spiel mit Licht und Schatten zieht sich durch die gesamte Filmgeschichte. Für den expressionistischen Film der Weimarer Republik ist es stilbildend, genau wie später für den Film noir und sogenannte Genrefilme.