Lotte Reiniger
Pionierin der Silhouetten-Filmkunst
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Lotte Reiniger
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Ein Film entsteht

„Animare“, das ist Latein, und bedeutet so viel wie beseelen, zum Leben erwecken. Nichts Anderes tut man beim Trick- und Animationsfilm. Eine ausgeschnittene Figur, ein Stück Knete, eine Büroklammer – will man einen Gegenstand in Bewegung bringen, braucht man eine fest montierte Kamera und sehr viel Geduld.

Ohne Geduld, kein Trickfilm

Grundlage von Reinigers Animationen ist die sogenannte Stop-Motion-Technik. Soll eine Figur animiert werden, fotografiert man sie, verändert ihre Position millimeterweise, macht wieder eine Aufnahme und so weiter, und so fort.

Spielt man die Bilder hintereinander ab, entsteht der Eindruck einer kontinuierlichen Bewegung. 24 Bilder ergeben eine Sekunde, 1.440 Bilder eine Minute, 86.400 Bilder in der Regel eine Stunde.

Daumenkino Muybridge Pferd Low Compressed
Daumenkino: Bewegungsphasen eines galoppierenden Pferdes nach Eadweard Muybridge

Lotte Reinigers Filme entstehen nach dem Prinzip des Legetricks, bei dem zweidimensionale Figuren und Formen auf einer Fläche liegend animiert und von oben fotografiert werden.


Alles ist genau geplant. Für jeden Film entwirft Lotte Reiniger Storyboards, Figuren, Hintergründe und Kulissen. Sie ist Drehbuchautorin, Charakterdesignerin, Regisseurin, Zeichnerin, Animatorin und Cutterin zugleich. Und: Alles ist von Hand gemacht. Digitale Aufnahmetechniken gibt es zu Reinigers Lebzeiten nicht.

Der Tricktisch

Ihre ersten Filme fotografiert Lotte Reiniger an einem sehr einfachen Konstrukt. Im Prinzip nichts weiter als ein Küchentisch mit einer Auslassung in der Mitte und einer Kamera darüber.

Lotte Reiniger erklärt, wie einfach sich ein Tricktisch bauen lässt.

Den Tricktisch, an dem Lotte Reiniger von den 1950er bis zu den 1970er-Jahren während ihres Aufenthaltes in Großbritannien arbeitet, übergibt Lotte Reiniger 1980 an das Filmmuseum Düsseldorf. Dort kann er heute besichtigt werden. In der Dauerausstellung sind unter anderem originale Schattenfiguren und Sets aus Lotte Reinigers Die Abenteuer des Prinzen Achmed, wie die Hexe der Flammenberge und weitere perspektivische Darstellung zu sehen. Im Nachlass befinden sich auch Briefe, Szenenbücher mit Skizzen, farbige Storyboards, Scherenschnitte und Figuren, Noten und Perforationsbilder.

Fmd Reiniger Totale Tricktisch
Tricktisch im Filmmuseum Düsseldorf

Für die Arbeit an Die Abenteuer des Prinzen Achmed entwickelt sie mit ihrem Ehemann Carl Koch eine Konstruktion, bei dem sich Figuren und Hintergründe – auf mehrere Ebenen verteilt – gegeneinander verschieben lassen: die erste Multiplankamera.

Quelle: C. Strobel, Agentur für Primrose Film Productions München
Die Kamera
Zusätzliche Ebene
Die Arbeitsfläche
Der Lichtkasten
Pfosten
Wandbefestigung
Multi-Plane

Teamarbeit am Tricktisch

In einem Film von 1957 stellt Walt Disney die Multiplan-Kamera seines Konzerns vor.

Die Erfindung der Multiplankamera wird oft dem amerikanischen Filmstudio Disney zugeschrieben.

Tatsächlich entwickelt William Garity 1937 für den Zeichentrickfilm Snow White and the Seven Dwarfs (Schneewittchen und die sieben Zwerge, USA 1940) eine Apparatur, mit der mehrere Ebenen gleichzeitig aufgenommen werden können – genau wie bei Reinigers Tricktisch zwölf Jahre zuvor.